pEpikr.kd.1-8 Protokoll zum 12.03.23

Zeit: 10:00 -12:15 Uhr – anwesend: Caren, Holger, Friedrich

Übersetzung:

139 I. Τὸ μακάριον καὶ ἄφθαρτον οὔτε αὐτὸ πράγματα ἔχει

οὔτε ἄλλῳ παρέχει,

ὥστε οὔτε ὀργαῖς οὔτε χάρισι συνέχεται·

ἐν ἀσθενεῖ γὰρ πᾶν τὸ τοιοῦτον.

[ἐν ἄλλοις δέ φησι[1]

τοὺς θεοὺς λόγῳ θεωρητούς,

οὓς μὲν κατ' ἀριθμὸν ὑφεστῶτας, οὓς δὲ καθ' ὁμοείδειαν

ἐκ τῆς συνεχοῦς ἐπιρρύσεως τῶν ὁμοίων εἰδώλων
ἐπὶ τὸ αὐτὸ ἀποτετελεσμένων, ἀνθρωποειδεῖς.]

Das Glückselige und Unvergängliche hat weder selbst Probleme

noch macht es sie einem anderen.

daher ist es weder in Ärger noch in Zuneigung befangen.

Bei einem Schwachen ist all dergleichen <zu finden>.

An anderen Stellen sagt er,

die Götter seien mit dem Verstand zu betrachten,

die einen nach Zahl bestimmt, die anderen nach Ähnlichkeit

aufgrund des ständigen Zustroms der gleichen Bilder,

wenn sie auf denselben <Punkt> gerichtet sind, in Menschengestalt.

II. Ὁ θάνατος οὐδὲν πρὸς ἡμᾶς·

τὸ γὰρ διαλυθὲν ἀναισθητεῖ·

τὸ δ' ἀναισθητοῦν οὐδὲν πρὸς ἡμᾶς.

Der Tod ist nichts für uns.

Denn das Aufgelöste ist ohne Wahrnehmung.
Das nicht Wahrnehmende aber ist nichts für uns.

III. Ὅρος τοῦ μεγέθους τῶν ἡδονῶν

ἡ παντὸς τοῦ ἀλγοῦντος ὑπεξαίρεσις.

ὅπου δ' ἂν τὸ ἡδόμενον ἐνῇ,

καθ' ὃν ἂν χρόνον ᾖ,

οὐκ ἔστι τὸ ἀλγοῦν ἢ τὸ λυπούμενον ἢ τὸ συναμφότερον.

Höhepunkt der Größe von Lustempfindungen ist

die Wegnahme alles Schmerzenden.

Wo immer aber das Lustbereitende ist,

solange es da ist,

ist das Schmerzende oder das Betrübende oder beides zusammen nicht möglich.

140 IV. Οὐ χρονίζει τὸ ἀλγοῦν συνεχῶς ἐν τῇ σαρκί,

ἀλλὰ τὸ μὲν ἄκρον τὸν ἐλάχιστον χρόνον πάρεστι,

τὸ δὲ μόνον ὑπερτεῖνον τὸ ἡδόμενον κατὰ σάρκα

οὐ πολλὰς ἡμέρας συμμένει.

αἱ δὲ πολυχρόνιοι τῶν ἀρρωστιῶν πλεονάζον ἔχουσι

τὸ ἡδόμενον ἐν τῇ σαρκὶ ἤπερ τὸ ἀλγοῦν.

Nicht dauert das Schmerzende bIn eständig im Fleisch,

sondern sein Gipfel ist die geringste Zeit da;

das aber allein das Lustbereitende im Fleisch Überwiegende

bleibt nicht viele Tage.

Die Langzeitigen aber der Schwächen haben als Überschuss

das Lustbereitende im Fleisch über das Schmerzende hinaus.

V. Οὐκ ἔστιν ἡδέως ζῆν

ἄνευ τοῦ φρονίμως καὶ καλῶς καὶ δικαίως,

<οὐδὲ φρονίμως καὶ καλῶς καὶ δικαίως> ἄνευ τοῦ ἡδέως.

ὅτῳ δὲ τοῦτο μὴ ὑπάρχει

ἐξ οὗ ζῆν φρονίμως, καὶ καλῶς καὶ δικαίως ὑπάρχει,

οὐκ ἔστι τοῦτον ἡδέως ζῆν.

Es ist nicht möglich, lustvoll zu leben

ohne verständig, gut und gerecht <zu leben>,

und nicht verständig, gut und gerecht, ohne lustvoll <zu leben>.

Wer aber das nicht hat,

aufgrund dessen einer verständig, gut und gerecht leben kann,

dem ist nicht möglich, lustvoll zu leben.

VI. Ἕνεκα τοῦ θαρρεῖν ἐξ ἀνθρώπων,

ἦν κατὰ φύσιν <ἀρχῆς καὶ βασιλείας[2]> ἀγαθόν,

ἐξ ὧν ἄν ποτε τοῦτο οἷός τ' ᾖ[3] παρασκευάζεσθαι.

Wegen des Muthabens (Starkseins) gegenüber Menschen

gab es naturgemäß Gutes von Herrschaft und Königtum

aufgrund derer man sich jeweils dies <Starksein> herstellen konnte.

141 VII. Ἔνδοξοι καὶ περίβλεπτοί τινες ἐβουλήθησαν γενέσθαι,

τὴν ἐξ ἀνθρώπων ἀσφάλειαν οὕτω νομίζοντες περιποιήσεσθαι.

ὥστ' εἰ μὲν ἀσφαλὴς ὁ τῶν τοιούτων βίος,

ἀπέλαβον τὸ τῆς φύσεως ἀγαθόν· εἰ δὲ μὴ ἀσφαλής,

οὐκ ἔχουσιν

οὗ ἕνεκα ἐξ ἀρχῆς κατὰ τὸ τῆς φύσεως οἰκεῖον ὠρέχθησαν.

Geehrt und angesehen wollten einige werden

im Glauben die Sicherheit vor Menschen so sich erhalten zu können.

Wenn daher das Leben solcher Leute zwar sicher ist,

erreichten sie das Gute der Natur. Wenn es aber nicht sicher ist,

haben sie nicht,

weswegen sie sich anfangs gemäß der Eigenheit der Natur mühten.

VIII. Οὐδεμία ἡδονὴ καθ' ἑαυτὸ κακόν·

ἀλλὰ τὰ τινῶν ἡδονῶν ποιητικὰ

πολλαπλασίους ἐπιφέρει τὰς ὀχλήσεις τῶν ἡδονῶν.

Keine Lust ist an sich schlecht.

Aber was von einigen Lüsten hervorgebracht wird,

fügt vielfältige Beschwernisse von den Lüsten hinzu.

142 IX. Εἰ κατεπυκνοῦτο πᾶσα ἡδονή,

καὶ χρόνῳ καὶ περὶ ὅλον τὸ ἄθροισμα ὑπῆρχεν

ἢ τὰ κυριώτατα μέρη τῆς φύσεως[4],

οὐκ ἄν ποτε διέφερον ἀλλήλων αἱ ἡδοναί.

Wenn alle Lust zusammengefasst würde

und mit der Zeit auch beim ganzen Körper wäre

oder bei den wichtigsten Teilen seiner Beschaffenheit,

wären die Lustempfindungen nicht von einander Verschiedenes.

 

Was uns auffiel:

  1. Zur Gliederung der κύριαι δόξαι:
    1. An den die Hauptlehre enthaltenden Tetrapharmakos wird mit Satz V noch eine Aussage über das Gerecht-Leben hinzugefügt. Für mich ist das ein Hinweis auf den Schwerpunkt der κύριαι δόξαι, nämlich das Thema des Zusammenlebens.
    2. Dieses Thema wird dann auch gleich in VI und VII mit der Frage nach der ἀσφάλεια vor den Mitmenschen aufgenommen. Hier wird in der üblichen historischen Reihenfolge zuerst vom Sicherheitsbestreben der Machthaber und Könige gesprochen und dann von dem der angesehenen Mitbürger. In beiden Fällen gibt es keine Garantie für die Sicherheit.
    3. Es folgen nun Sätze zur Lustlehre oder besser: zur Abwehr von persönlichen Schmerzen und Ängsten, gipfelnd in XI und XII, wo die Bedeutung der Naturlehre für die Angstabwehr genannt wird.
    4. In XIII wird dann das Stichwort ἀσφάλεια wieder aufgenommen werden.
  2. Die Verwendung des Wortes σάρξ in IV erinnerte uns sofort an Parallelen im NT (z.B. Mt.26,41). Caren übernahm es, dazu noch Genaueres beizubringen.
  3. In IX ist dann wiederum von Lust im Körper (jetzt ἄθροισμα und τὰ κυριώτατα μέρη τῆς φύσεως) die Rede. Ich habe es übernommen, einmal nachzuforschen, welches denn „die wichtigsten Teile unserer Natur“ für Epikur sind und werde die Ergebnisse dann eigens mitteilen. Heute will ich das Protokoll abschließen, damit Ulf schon einmal weiß, wie weit wir mit dem Übersetzen gekommen sind.

Nächstes Treffen: Sonntag, 19.03., wieder um 10:00 Uhr.
und die übliche Vorbereitung dazu.

 


[1] ἐν ἄλλοις δέ φησι „an anderen Stellen sagt er“: eine offensichtliche Glosse (Randbemerkung), die beim Abschreiben in den Haupttext geraten ist.

[2] ἀρχῆς καὶ βασιλείας zu ἀγαθόν

[3] οἷός τ' ἐστιν ergänze τις

[4] φύσις hier: Natur, Beschaffenheit des Körpers